die kleine wilde frau - Kurzgeschichten

 

 

Niemand weiß um unsere Ängste, unsere Lieben,
unsere Traurigkeit, unser Lachen.
Niemand?
"Hallo", "haaaallooooo?"
"Wer bist denn du?", fragt sie.
"Ich bin deine kleine wilde frau."
"Wer?"
"Deine kleine wilde frau. Ich bin ein Teil von dir."
"Ach so. Na dann sag mir doch mal...."

 

Externe Störenfriede

Externe Störenfriede sind andere Menschen die
sich ungefragt in unser Leben einmischen.

 

Sie fährt zum Supermarkt. Der große Parkplatz mit über 100 Parkplätzen ist fast leer. Sie fährt ihr Auto auf einen der Parkplätze in der Nähe des Eingangs. Nein, falsch. Sie ist keine besonders gute Einparkerin. Wenn der Parkplatz voll ist und sie zwischen zwei Autos parken muss, dann schafft sie das; dann parkt sie ihr Auto zwischen den zwei weißen Streifen, die den vorgesehenen Einparkbereich kennzeichnen.
Aber heute ist der Parkplatz ja fast leer und sie fährt ihr Auto nicht auf einen Parkplatz, sondern auf ungefähr 1,4 Parkplätze. Sie hat ihr Auto ca. 40 cm zu weit rechts des weißen Streifens geparkt, der ihren Parkplatz begrenzt.
Das sieht eine andere Kundin.

 

Das sieht eine andere Kundin.

„Sie belegen zwei Parkplätze!“ ruft sie ihr zu.
Nun hat sie sich für Fälle, auf die sie nicht gleich eine Antwort parart hat, einen Satz zugelegt.
„Lassen sie mich einen Moment darüber nachdenken“, ruft sie zurück. Sie denkt nach. „Ja, stimmt!“ ruft sie dann.
„Wenn das alle machen würden, dann gäbe es nicht genügend Parkplätze!“ ruft die andere Kundin zurück.“
„Lassen sie mich darüber nachdenken.“ ruft sie.

 

„Nein, stimmt nicht. Wenn alle so parken würden wie ich jetzt, dann würden ja alle, ca. 40 cm zu weit rechts des für den Parkbereich vorgesehenen weißen Streifens parken, dann würde es wieder aufgehen. Abesehen davon parken nicht alle so wie ich, viele können ganz gut einparken.“

Die andere Kundin bleibt hartnäckig. „Aber das geht so doch nicht! Es gibt Vorschriften, da kann doch nicht jeder tun und lassen was er will!“
Jetzt weiß sie auch nicht weiter. Das stimmt ja irgendwie schon mit den Vorschriften.
Plötzlich ist die kleine wilde frau da. "Frag mal, was für Nachteile sie dadurch hat", sagt die kleine wilde frau.

„Und haben sie irgendwelche Nachteile durch mein Falschparken? Ja, schauen sie nicht so verdackelt!
Sie persönlich, was für Nachteile haben sie??“ fragt sie. „Jetzt werden sie mal nicht unverschämt!“ ruft die andere. „Ich und unverschämt! Sie haben doch angefangen. Wenn ihnen ihr Leben nicht passt, dann bleiben sie doch daheim! Oder ändern sie was dran!“ Die andere Kundin schnappt sichtbar nach Luft.

"Ja, genau so!" ruft die kleine wilde frau begeistert "Und jetzt noch einen Tritt ins Hinterteil!" In ihrer Euphorie nimmt sie tätsächlich Anlauf. Die andere Kundin ahnt was ihr bevorsteht. Kurzerhand entschliesst sie sich ihren  Einkauf sausen zu lassen und fährt mit quietschenden Reifen davon.

 

Ich bin ich

Warum ich nicht sie bin.

 

Sie ist zu Besuch bei Ihrer Tante. Sie erzählt ihr, wie es gerade so bei ihr läuft – von ihrem Freund, was es beruflich neues gibt und von ihren Urlaubsplänen.
Ihre Tante unterbricht sie: „Also, ich an deiner Stelle hätte...“ Da waren sie wieder – diese Worte – „ich an deiner Stelle...“ Wie oft wurde sie schon mit diesem angeblich gut gemeinten Rat geschlagen. Sie fühlte sich dann immer irgendwie unfähig und manchmal hatte sie sich schon gerechtfertigt für ihr Handeln. Sie hatte es so satt.
„Frag sie, ob sie die Richtigmacherin ist.“ die kleine wilde frau ist wieder da. “Die was?“ fragt sie. „Die Richtigmacherin.“ Wiederholt die kleine wilde frau. „Bist du die Richtigmacherin?“ will sie von ihrer Tante wissen. „Die was?“ fragt diese. „Na die, die immer und überall und grundsätzlich alles richtig macht. Für die es nur ein richtig gibt, das für die gesamte Menschheit flächendeckend gültig ist.“ Erklärt sie. „Na hör mal!“ ihre Tante ist empört, „ich habe es doch nur gut gemeint. Wenn ich du wäre, dann würde ich..“ Jetzt reicht es ihr. Sie fällt ihrer Tante ins Wort.


„Wenn du ich wärst, dann würdest du denken wie ich, fühlen wie ich und handeln wie ich und dann wäre alles so, wie es jetzt ist. Ich weiß dass, ich bin nämlich ich!“

Andere Kurzgeschichten

 

Ihr größter Traum

 

Ihr Großvater war Missionar in Afrika gewesen, in Kamerun.

Als sie klein war erzählte er ihr immer Geschichten von dort. Sie waren geschmückt von Schlangen und Elefanten, von Frauen mit bunten Tüchern, vom Dschungel und von schwarzen Menschen.

Ihr Großvater hatte sogar Schlangenhäute die so lang waren, dass sie von einem bis zum anderen Ende des Zimmers reichten. Und er hatte einen Elefantenzahn aus Elfenbein, aus dem kleine Elefanten herausgeschnitzt waren.

Je mehr Geschichten sie von diesem Afrika hörte umso mehr wollte sie dorthin.

 

Als sie etwa sechs Jahre alt war, stand für sie klar, dass sie als blinder Passagier auf ein Schiff gehen und nach Afrika reisen würde. Was sie dort machen würde interessierte sie damals noch nicht, darum ging es auch nicht.

 

Als sie älter wurde und man sie fragte, was sie einmal machen wolle, war ihre Antwort immer die gleiche - sie wolle nach Afrika gehen.

Als sie noch älter war, wurde sie gefragt, was sie dort machen wolle - in Afrika. Sie überlegte und antwortete, vielleicht wolle sie Reiseleiterin werden.

 

Es war ihr größter Traum nach Afrika zu gehen. Er war immer präsent dieser Traum, ohne Zwang und ohne, dass sie in ein Reisebüro gegangen wäre um sich zu erkundigen, was ein Flug kosten würde. Es war der Traum eines Kindes, der tief aus dem Herzen kam und eine große Sehnsucht in sich barg. Eben die Art von Traum, die immer in Erfüllung geht.

 

Nach Beendigung der Schule ging sie als Au-pair  Mädchen nach Kanada. Sie arbeitete für eine schweizer Familie und betreute deren Neugeborenes. Diese Familie war mit einem kanadischen Ärzte-Ehepaar befreundet, das auf einer Farm außerhalb der Stadt lebte. Hin und wieder fuhren sie zu einem Besuch hinaus auf die Farm. Sie verstand sich mit der Ärztin sehr gut und als ihre Tätigkeit bei der schweizer Familie beendet war, verbrachte sie noch ein paar Wochen auf der Farm. Diese Ärztin arbeitete für ein Entwicklungshilfeprojekt und während sie zurück nach Deutschland kehrte, brach die Ärztin zu einem Projekt nach Südamerika auf.

Monate später erhielt sie einen Brief von der Ärztin. Sie teilte ihr mit, dass sie nun bei einem neuen Projekt in Afrika arbeite, in Sambia. Sie fragte, ob sie sie nicht besuchen wolle, sie würde sie gerne einladen...

 

Am Flughafen sagte sie zu ihrer Mutter: „Du brauchst keine Angst zu haben, mir passiert nichts, denn jetzt geht mein größter Traum in Erfüllung.“

Und so war es auch.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© die kleine wilde frau